{"id":71,"date":"2021-07-05T11:32:00","date_gmt":"2021-07-05T11:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=71"},"modified":"2022-01-28T10:07:11","modified_gmt":"2022-01-28T10:07:11","slug":"wie-ein-klimaforscher-optimistisch-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=71","title":{"rendered":"Wie ein Klimaforscher optimistisch bleibt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mojib Latif ist einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands. Im Interview spricht er \u00fcber<br>den Klimawandel, sein Scheitern \u2013 und die Kunst, trotzdem Optimist zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Erschienen im: Science Notes Magazin. Das Magazin f\u00fcr Wissen und Gesellschaft. Thema: Meer. Zum Original: <a href=\"https:\/\/www.torial.com\/katharina.elsner\/portfolio\/643282\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbIch kann mir nicht vorstellen, dass wir die<br>Erde gegen die Wand fahren\u00ab<\/p><cite>Mojib Latif<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Herr Latif, Sie sind in Hamburg geboren und aufgewachsen, Sie arbeiten als Meteorologe und Klimaforscher: Haben Sie einen Lieblingsort am Meer?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich nicht. Ich freue mich aber, wenn ich am Wasser<br>bin. Ich finde es toll hier in Hamburg, der Hafen bedeutet f\u00fcr mich Freiheit und Weltoffenheit. Die Ostsee ist auch sch\u00f6n, dort habe ich eine Wohnung und die Weite: bis zum Horizont nur das Meer. Es gibt auch immer etwas zu sehen, hin und wieder ein paar Schiffe, interessante Lichtspiele, bis hin zu Luftspiegelungen. Menschen k\u00f6nnen sich begegnen, flanieren. Da kann doch niemand etwas dagegen haben? Man muss die positiven Aspekte viel mehr in den Vordergrund stellen. Das wird sicherlich nicht reichen, aber vielleicht ist es eine M\u00f6glichkeit,  anders zu kommunizieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Sie gingen sogar noch weiter und sagten:<br>\u00bbIch bin gescheitert.\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man \u00fcber drei Jahrzehnte lang immer wieder darauf hinweist, dass eigentlich etwas passieren m\u00fcsste und dann genau das Gegenteil passiert, n\u00e4mlich, dass die CO\u2082-Ausst\u00f6\u00dfe weltweit weiter ansteigen, dann muss man sich auch mal selbstkritisch hinterfragen: Was hast du eigentlich geleistet? Au\u00dfer, dass jeder inzwischen wei\u00df, dass es ein Problem gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Gibt es denn Momente in Ihrer Karriere, von denen Sie sagen: Da h\u00e4tte ich etwas anders machen sollen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein. Ich glaube auch nicht, dass ich irgendetwas h\u00e4tte anders machen k\u00f6nnen.<br><br><strong>Eben sagten Sie noch, Ihre Kommunikation sei nicht<br>zielf\u00fchrend gewesen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder hat seine Art, die Dinge zu kommunizieren. Ich werde es auch nicht mehr anders machen, auch wenn es keinen Erfolg bringt. Und ich frage mich: Bin ich derjenige, der versuchen muss, Emotionen zu wecken? Oder gibt es andere daf\u00fcr, wie Fridays for Future? Insgesamt muss es eine sehr breite Bewegung aus der Zivilgesellschaft heraus geben. Am Ende des Tages bin ich Wissenschaftler und meine Aufgabe ist es, wissenschaftliche Ergebnisse zu kommunizieren. Ich glaube, das habe ich zur Zufriedenheit gemacht. Jedenfalls sind Journalisten immer wieder auf mich zugekommen und hatten wohl das Gef\u00fchl, dass ich verst\u00e4ndlich bin und glaubw\u00fcrdig, dass ich nicht irgendwelche Fake News erz\u00e4hle.<br><br><strong>Gerade in den sozialen Medien tauchen immer wieder<br>Kommentare von Menschen auf, die anzweifeln, dass es den Klimawandel \u00fcberhaupt gibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Klimaskeptiker kann man nicht \u00fcberzeugen. Die argumentieren nicht seri\u00f6s. Die negieren einfach, dass die Sonne schw\u00e4cher geworden ist \u2013 bar jeder Rationalit\u00e4t. Fragen Sie sich: Wie kann eine schw\u00e4cher werdende Sonne die Erderw\u00e4rmung verursachen? Die wollen gar nicht \u00fcberzeugt werden. Ich wei\u00df echt nicht, was sie treibt. Klar, es gibt einige, die haben Angst um ihr Gesch\u00e4ftsmodell. Das verstehe ich, auch wenn ich es nicht gut finde. Die anderen sind zum Teil Verschw\u00f6rungstheoretiker, die alles in Frage stellen, die sogar anzweifeln, dass die Erde eine Kugel ist. Was sind das f\u00fcr Menschen, die das ernsthaft glauben? Und die glauben, alles besser zu wissen, obwohl sie \u00fcberhaupt keine Expertise in diesem Bereich haben, keine Ausbildung. Jetzt sehe ich das auch in der Politik, die AfD nimmt all diese Skeptiker-Argumente auf. Wie auch die Werte-Union. Die bezeichnet Klimaforschung sogar als \u00bbJunk Science\u00ab. Unfassbar. Das muss man sich mal vorstellen, da f\u00e4llt mir nichts mehr ein. Ja, das ist die<br>heutige Zeit, das Internet und die sozialen Netzwerke spielen da eine gro\u00dfe Rolle.<br><br><strong>Dabei haben Sie mal behauptet, Sie seien ein hemmungsloser Optimist. Ist Ihnen in den vergangenen Jahren etwas Optimismus verloren gegangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin immer noch Optimist! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Menschheit die Erde gegen die Wand f\u00e4hrt. Die Vergangenheit zeigt doch, dass ganz unerwartete Dinge passieren k\u00f6nnen. Bestes Beispiel: die deutsche Wiedervereinigung. Warum ist es dazu gekommen? Weil die Menschen es wollten. Wenn die Menschen etwas wirklich einfordern, dann passiert es auch \u2013 im Kleinen wie im Gro\u00dfen. Der Hambacher Forst bleibt, der Atomausstieg kommt, weil die Menschen fr\u00fcher dagegen demonstriert haben.<br><br><strong>Manche Ihrer Kolleginnen und Kollegen scheinen<br>nicht so optimistisch zu sein. Ein Australier hat Briefe<br>von renommierten Klimaforschern weltweit gesammelt. Darin schreiben sie, wie sie sich f\u00fchlen, wenn sie an den Klimawandel denken. Ihr Kollege Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung beschreibt einen Albtraum: Er tr\u00e4ume von einem brennenden Haus, zu dem die Feuerwehr nicht kommt, weil sie den Anruf nicht ernst nimmt. Wovon tr\u00e4umen Sie nachts?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nee, bestimmt nicht davon (lacht). Ich kann da gut unterscheiden, so wie bei einem Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis. Wenn ich mich mit dem Klimawandel besch\u00e4ftige, nehme ich Anteil. Aber wenn die Sprechstunde zu Ende ist, ist sie zu Ende. <br><br><strong>Die Denkfabrik Agora Energiewende hat in der Diskussion um den Klimawandel neue Zahlen eingebracht: Demnach ist der CO\u2082-Aussto\u00df in Deutschland im Vergleich zu 1990 insgesamt um 35 Prozent gesunken, sieben Prozent im Vergleich zu 2018. Das ist doch auch f\u00fcr Sie ein Erfolg?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das lag vor allem daran, dass der Preis f\u00fcr CO\u2082 im Rahmen des europ\u00e4ischen Emissionshandels hochgegangen ist. Deswegen wurde Kohle unrentabel und Gas rentabler. Wir leben in einer monet\u00e4ren Welt, der Hebel ist nat\u00fcrlich das Geld. Es kann ja nicht angehen, dass man die Umwelt verpestet, ohne daf\u00fcr einen Preis zahlen zu m\u00fcssen. Wo gibt es denn sowas? Ich h\u00e4tte mir aber gew\u00fcnscht, dass die Bundesregierung einen deutlich h\u00f6heren CO\u2082-Preis festgelegt h\u00e4tte. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte es<br>einen sozialen Ausgleich geben m\u00fcssen, das h\u00e4tte man \u00fcber eine Klima-Pr\u00e4mie l\u00f6sen k\u00f6nnen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine Studie von 14 Forschenden aus elf Instituten<br>verschiedener L\u00e4nder zeigt: Die Meere wiesen in den<br>vergangenen f\u00fcnf Jahren die h\u00f6chsten Temperaturen<br>seit den 1950er-Jahren auf. In Ihren Aufs\u00e4tzen und<br>B\u00fcchern haben Sie schon vor Jahren vor einer Erw\u00e4rmung des Meeres gewarnt. Sie k\u00f6nnten der Bundesregierung sagen: Ich habe es euch schon immer gesagt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, wenn das Wissen zum Handeln gef\u00fchrt h\u00e4tte. So, wie es ja in der Vergangenheit schon passiert ist. Nehmen wir das Waldsterben: Das haben wir verhindert, weil wir den sauren Regen abgeschafft haben durch die Rauchgas-Entschwefelung und die Katalysatoren in Autos. Es gibt Erfolgsgeschichten, aber die passieren meistens nur, wenn die Leute direkt betroffen sind. Damals, in den 70er-, 80er-Jahren, gab es Smog ohne Ende. Die Menschen sind krank geworden, die B\u00e4ume sind gestorben. Es war klar: Irgendetwas muss passieren. Und dann hat die Politik gehandelt. Das Gleiche gilt f\u00fcr das Ozonloch. Wissenschaftler haben gewarnt und die Wirtschaft hat gesagt: \u00bbAch, man muss<br>nicht alles glauben, was die Wissenschaftler sagen.\u00ab Dann hat man das Ozonloch entdeckt und alles ging rasend schnell. Aber das war einfacher als bei der Erderw\u00e4rmung, weil es nur ein paar Unternehmen gab, die die sch\u00e4dlichen FCKWs produzierten. Und diese Unternehmen hatten auch schon die Ersatzstoffe parat und konnten von einem Gesch\u00e4ftsmodell aufs andere umsteigen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Laut Weltklimarat haben seit 1970 die Ozeane 90 Prozent der zus\u00e4tzlichen W\u00e4rmeenergie aufgenommen. Eine Studie vergleicht diese W\u00e4rmeenergie mit der Explosion von 3,6 Milliarden Hiroshima-Bomben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Studie geht es um die oberen 2.000 Meter, die haben sich jetzt zwar \u00bbnur\u00ab um 0,075 Grad erw\u00e4rmt. Aber Sie m\u00fcssen \u00fcberlegen: Der Ozean fasst ein Volumen, zwei Drittel der Erdoberfl\u00e4che. Wenn sich so ein Volumen um 0,075 Grad erw\u00e4rmt, das ist eine wahnsinnige Energiemenge und das hat Konsequenzen. Wenn sich Wasser erw\u00e4rmt, dehnt es sich aus, alleine dadurch steigt der Meeresspiegel. W\u00e4rmeres Wasser neigt auch zu Sauerstoffarmut. Unsere Lebensgrundlagen liegen in den Meeren und wenn wir die Meere sch\u00e4digen, dann<br>s\u00e4gen wir auch den Ast ab, auf dem wir sitzen. Die Meere nehmen etwa ein Viertel des Kohlenstoffdioxids auf, das wir Menschen aussto\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sie haben einmal das Klima mit einem Schnellzug verglichen, bei dem man die Notbremse ziehen m\u00fcsse: Das Klima sei tr\u00e4ge, die Ozeane ebenso. Haben wir noch eine Chance, diese Notbremse zu ziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">CO\u2082 geht keine Verbindungen in der Luft ein und besitzt deswegen eine lange Verweildauer in der Atmosph\u00e4re von circa hundert Jahren. Das hei\u00dft, was unsere Eltern und Gro\u00dfeltern in die Luft geblasen haben, das ist alles noch da oben. Wir haben nur eine M\u00f6glichkeit, die Erderw\u00e4rmung relativ schnell zu stoppen: den Aussto\u00df von CO\u2082 drastisch zu verringern und schnell auf null Emissionen zu kommen. Dann w\u00fcrden die nat\u00fcrlichen Senken das CO\u2082 allm\u00e4hlich aus der Luft entfernen: das<br>Meer vor allem, aber auch die Landregionen. Eigentlich haben wir das in der Hand. Es ist ja nicht gottgegeben, dass wir CO\u2082 aussto\u00dfen m\u00fcssen. Es liegt wirklich nur an der Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Bild: <a href=\"https:\/\/roman-pawlowski.de\/roman-fotografie\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Roman Pawlowski<\/a>.<\/pre>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Latif ist einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands. 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