{"id":30,"date":"2022-01-27T11:32:43","date_gmt":"2022-01-27T11:32:43","guid":{"rendered":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=30"},"modified":"2025-10-22T10:46:54","modified_gmt":"2025-10-22T10:46:54","slug":"unsterblich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=30","title":{"rendered":"Wie wir unsterblich werden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In Zukunft werden uns immer mehr Tote begleiten: Unternehmen versprechen digitale Kopien, die nach dem Tod eines Menschen weiterreden, chatten, vielleicht sogar arbeiten. Aber wollen wir sie \u00fcberhaupt haben in unserer Welt der Lebenden?<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Erschienen im: Science Notes Magazin. Das Magazin f\u00fcr Wissen und Gesellschaft. Thema: Nichts. Zum Original: <a href=\"https:\/\/sciencenotes.de\/thema-nichts\/unsterblich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Seine letzten Nachrichten ploppen am 2. Dezember 2014 auf ihrem Handy auf. Um 17:40 Uhr schreibt er:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_A-500x125.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8859\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_A2-500x75.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8858\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Stunden sp\u00e4ter:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_A3-500x75.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8860\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Tage sp\u00e4ter ist Chrissi, 18, tot. Ein Autounfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chrissis Mutter, Silke, tippt weiter. Tippt Worte in ihr Handy, sendet rote Herzen und Kuss-Emojis an die Nummer ihres toten Sohnes. Immer wieder nimmt sie sein Handy in die Hand, schaltet es ein, sieht, wie die zwei H\u00e4kchen sich blau einf\u00e4rben. Als ob Chrissi weiterhin ihre Nachrichten lesen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_1-500x66.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8850\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lorenz Widmaier hat die Chats zwischen Mutter und Sohn dokumentiert und in einer Ausstellung im Museum f\u00fcr Sepulkralkultur in Kassel ver\u00f6ffentlicht. Der Soziologe schreibt an der University of Technology in Zypern seine Doktorarbeit und fragt, wie wir in unserer digitalen Gesellschaft um Tote trauern. Er hat daf\u00fcr mit mehr als 30 Interviews mit Hinterbliebenen gef\u00fchrt, auch mit Silke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was w\u00e4re, wenn Chrissi seiner Mutter noch antworten k\u00f6nnte? Wenn ein Programm jahrelang seine Worte, seine Sprache und Stimme gelesen h\u00e4tte? Wenn es seine Instagram-Posts, Suchanfragen, Videoanrufe, Interneteink\u00e4ufe oder YouTube-Videos gefiltert und destilliert h\u00e4tte, sodass es eine digitale Kopie vom echten Chrissi ausspucken k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"die-sehnsucht-nach-unsterblichkeit\">Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Unternehmen, die genau daran arbeiten: Sie wollen aus den Daten Lebender oder bereits Verstorbener Chatbots oder Avatare erwecken. Microsoft hat k\u00fcrzlich ein Patent auf so einen Chatbot angemeldet. Auch das soziale Netzwerk Eter9 preiste ein intelligentes virtuelles Ich an, das mit der Welt interagiert, so als ob man noch lebte. Eine Fernseh-Dokumentation aus S\u00fcdkorea zeigt eine Mutter, die mit Hilfe einer VR-Brille in einer virtuellen Realit\u00e4t auf ihre verstorbene, siebenj\u00e4hrige Tochter trifft. Die Entwickler:innen haben aus Erinnerungen der Familie, aus Fotos und Videos einen kindlichen Avatar gespeist, der in einem Garten hinter einem Holzstapel hervorh\u00fcpft und fragt: \u00bbMama, wo warst du? Hast du an mich gedacht?\u00ab Auch der Rapper Kanye West hat einen Toten auferstehen lassen: Seiner damaligen Ehefrau Kim Kardashian hat er zum 40. Geburtstag ein Hologramm ihres vor 17 Jahren verstorbenen Vaters geschenkt. Der Hologramm-Vater w\u00fcnscht ihr alles Gute und sagt, wie stolz er auf sie sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was w\u00e4re, wenn unsere K\u00f6rper altern und sterben, wir aber unser Bewusstsein konservieren k\u00f6nnten wie Pflaumen in Weckgl\u00e4sern? Wenn wir uns auf Festplatten laden k\u00f6nnten und so niemals im Nichts verblassten, sondern auf ewig als digital Unsterbliche in der Welt herumgeistern?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich rufe eine Handvoll Expert:innen an, die mir Antworten geben sollen: aus der Psychologie, Soziologie, IT, Software-Entwicklung, Politologie und der Philosophie. Eines haben alle gemeinsam: Der Gedanke an eine digitale Unsterblichkeit w\u00fchlt sie auf. Der Traum des ewigen Lebens flattert schon lange durch die Welt. Neu ist aber, dass diese Unsterblichkeit mit der Digitalisierung manchen Vision\u00e4ren, es sind vor allem M\u00e4nner, pl\u00f6tzlich greifbar erscheint. Dabei geht es nicht nur darum, ob wir einen Menschen und seine gesamte Pers\u00f6nlichkeit in einen Code pressen k\u00f6nnen. Es geht auch darum, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die so etwas wie digitale Unsterblichkeit erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"korper-aus-daten-personlichkeiten-als-codes\">K\u00f6rper aus Daten, Pers\u00f6nlichkeiten als Codes<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer dieser Vision\u00e4re ist Ray Kurzweil, technischer Direktor bei Google. Ein anderer Nick Bostrom, Philosoph an der Universit\u00e4t Oxford. Oder Peter Thiel, PayPal-Gr\u00fcnder und einer der ersten Facebook-Investoren. Ebenso Multimillion\u00e4r Dmitry Itskov. All diese M\u00e4nner h\u00e4ngen einer philosophischen Str\u00f6mung an: dem Trans- und Posthumanismus. Ihr Ziel: Sie wollen den perfektionierten Menschen formen, seinen K\u00f6rper aus Daten schwei\u00dfen. In den Augen dieser Vision\u00e4re ist der Mensch nicht mehr als eine sehr komplexe Maschine, die in ihrem Inneren aus Hardware besteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Technikphilosophin Janina Loh forscht an der Universit\u00e4t Wien zur Roboterethik. Sie sagt, dass der Posthumanismus den menschlichen K\u00f6rper als das Schmuddelige, Sterbliche und Kaputte betrachte, das abgesto\u00dfen werden solle. \u00bbDas, was am Menschen essenziell ist, k\u00f6nnten wir demnach auf Daten und Informationen reduzieren.\u00ab Wenn Menschen nicht mehr als intelligente Maschinen seien, k\u00f6nnten wir durch sie ersetzt werden oder mit ihnen verschmelzen. Entspricht das unserer Vorstellung vom Menschsein?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00bbJede Faser meines K\u00f6rpers sagt mir, dass es falsch ist, zu sterben.\u00ab<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christopher Coenen arbeitet als Politologe am Institut f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung und Systemanalyse, das zum Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie geh\u00f6rt. Er versteht diese Sehnsucht der Menschen, mit digitalen Kopien nach der Unsterblichkeit greifen zu wollen. \u00bbIch finde den Tod eines jeden Menschen, den ich kenne, unertr\u00e4glich. Jede Faser meines K\u00f6rpers sagt mir, dass es falsch ist, zu sterben.\u00ab Coenen fasziniert besonders die Idee des Mind-Uploading, die Vision, unser Bewusstsein auf eine Festplatte zu laden. Die Frage ist nur: Was dann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt jede Menge Antworten darauf aus Filmen und Serien. In der Science-Fiction-Serie <em>Black Mirror<\/em> etwa, in der Folge \u00bbBe Right Back\u00ab, erschafft die Witwe Martha aus Videos, Fotos und der Online-Kommunikation ihres verstorbenen Mannes einen virtuellen Ehemann. Zun\u00e4chst einen Chatbot, mit dem sie erst schreibt und telefoniert. Als Martha erf\u00e4hrt, dass sie schwanger ist, bestellt sie einen leeren, synthetischen K\u00f6rper, einen Androiden, der ihrem Mann t\u00e4uschend \u00e4hnlich sieht. Und erweckt diesen K\u00f6rper mit seinen digitalen Daten zum Leben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00bbIch w\u00fcrde auch lieber als Roboter durch die Welt laufen, als gar nicht mehr durch die Welt laufen.\u00ab<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Coenen sagt: \u00bbUnser Gehirn w\u00fcrde auf einer Festplatte sitzen, aber denken, es w\u00fcrde mit einem blutdurchstr\u00f6mten, sinnlichen K\u00f6rper weiter existieren.\u00ab Unser Gehirn braucht einen K\u00f6rper. Er sagt: \u00bbIch w\u00fcrde auch lieber als Roboter durch die Welt laufen, als gar nicht mehr durch die Welt laufen. Ich wei\u00df nicht, wie ungl\u00fccklich ich in diesem K\u00f6rper w\u00e4re.\u00ab Doch die Transhumanisten geben auch darauf Antwort. \u00bbSie sagen uns: Du kannst dein Bewusstsein behalten. Du kannst einen jugendlichen K\u00f6rper haben. Du kannst aussehen, wie du willst.\u00ab Wir verschm\u00f6lzen mit Maschinen \u2013 sp\u00fcrten keine R\u00fcckenschmerzen, keine Behinderungen, w\u00fcrden nicht krank und auch nicht an Krebs sterben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Londoner Autorin und Psychologin Elaine Kasket kritisiert genau das. Sie sagt: \u00bbWir bewegen uns auf gef\u00e4hrlichem Terrain, wenn wir uns an Unternehmen wenden, die sich um unser emotionales Erleben k\u00fcmmern, die Menschen ihren Schmerz nehmen wollen. Das ist ja der utopische Traum, dass die Technologie alles ausb\u00fcgeln wird, was l\u00e4stig ist, all die Unannehmlichkeiten, Traurigkeit, \u00c4ngste, Zweifel, sogar den Tod.\u00ab Die Daten der Toten sp\u00fclten den Unternehmen Geld in die Kassen und g\u00e4ben immer noch Informationen \u00fcber die preis, die als Lebende zur\u00fcckblieben. Wenn wir unsere Daten in andere H\u00e4nde geben, wenn wir posten, wie viele Kilometer wir joggen, welches Bild wir liken, bei welcher Anzeige unsere Augen beim Scrollen kurz innehalten, werden wir, lebend oder tot, transparent, kontrollierbar, vorhersehbar. Das sagt auch die Technikphilosophin Janina Loh.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"die-macht-der-technologie\">Die Macht der Technologie<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem: Diese utopischen Tr\u00e4ume lernen gerade in ihren Kinderschuhen der Realit\u00e4t zu laufen. Der Unternehmer David Burden sagt, die Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen auf einen Chip zu pressen, sei relativ einfach. \u00bbSchwieriger ist es, zu entscheiden, welche Daten genau wir ausw\u00e4hlen wollen.\u00ab Burden ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Software-Unternehmens Daden in Birmingham, das 3D-Welten, virtuelle Menschen und Realit\u00e4ten entwickelt. Burden beschreibt in seinem Buch <em>Virtual Humans<\/em>, wie ein digital Unsterblicher aussehen k\u00f6nnte \u2013 und welchen K\u00f6rper er oder sie in unserer Welt \u00fcberstreifen w\u00fcrde: Der virtuelle Mensch k\u00f6nnte als Textchat aufploppen, E-Mails schreiben, skypen, Social-Media-Beitr\u00e4ge posten oder als Chatbot in einem Sprachassistenten am Fr\u00fchst\u00fcckstisch einer Familie schnattern. Oder sich in virtuellen Welten als Avatar und in der physischen Welt als Roboter verk\u00f6rpern. Vielleicht k\u00f6nnte er alles gleichzeitig sein, Kopien anlegen, sich synchronisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Monate vor seinem Tod schreibt Chrissi:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_2-500x269.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8851\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie nah, wie realistisch kann und soll ein digital Unsterblicher agieren? Gen\u00fcgt es, wenn wir ein paar Merkmale wie Zutaten aus einem Menschen herauspicken, ein Programm damit f\u00fcttern, das uns ein akzeptables Gericht pr\u00e4sentiert? Das ein bisschen fad schmeckt, aber satt macht und so seine Funktion erf\u00fcllt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Philosophin Janina Loh findet den Gedanken, einen Menschen in seinem Wesen auf einen Datensatz zu reduzieren, absurd. Sie sagt: \u00bbDie wenigsten unserer Eigenschaften k\u00f6nnten wir aus dem Gehirn einfach herausfiltern, weder unseren Willen noch unsere Intelligenz oder unseren Humor.\u00ab Der Software-Entwickler David Burden dagegen schreibt, was die Essenz eines digital Unsterblichen ausmacht: \u00bbDer wichtige Punkt dabei ist, dass fast jeder virtuelle Mensch nur eine effektive Illusion erzeugen muss.\u00ab Die Chatbots, das zeigten Tests, m\u00fcssten nicht viele Worte verlieren. \u00bbSie m\u00fcssen nur die richtigen Dinge zur richtigen Zeit sagen.\u00ab Sie m\u00fcssten auch kein getreues Bild des Verstorben wiedergeben. \u00bbMenschen f\u00e4llt es leichter, mit digital Unsterblichen umzugehen, wenn die einen Schritt entfernt sind\u00ab, sagt Burden. Dieser Effekt hei\u00dft <em>Uncanny Valley<\/em>, das unheimliche Tal. Nach dieser Theorie nimmt unsere Affinit\u00e4t zu Robotern und K\u00fcnstlichen Intelligenzen zu, je mehr sie Menschen \u00e4hneln. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad. N\u00e4hern sich Roboter so sehr dem menschlichen Aussehen an, dass wir sie kaum unterscheiden k\u00f6nnen, finden wir das eher unheimlich und lehnen sie ab. David Burden sagt: \u00bbIn vielen F\u00e4llen ist ein Textchat wahrscheinlich alles, was die Hinterbliebenen wollen, wenn sie zum Beispiel einen Moment der Einsamkeit versp\u00fcren oder um Rat fragen wollen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 4. Dezember 2015 schreibt Mutter Silke:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_3-500x137.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8852\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"was-bleibt-den-hinterbliebenen\">Was bleibt den Hinterbliebenen?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Expert:innen sagen mir, dass&nbsp; die Toten in Zukunft einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf unsere Gesellschaft aus\u00fcben werden. Zwar gedenken Menschen schon immer ihrer Ahnen. Nur die Art und Weise \u00e4ndert sich \u2013 und das, was sozial akzeptiert ist. Fr\u00fcher verblassten Erinnerungen wie schwarz-wei\u00dfe Fotografien. Heute k\u00f6nnen wir Videos abspielen, Sprachnachrichten und Stimmen anh\u00f6ren und so unser Bild der Verstorbenen wieder fokussieren und scharf stellen. Die Frage ist: Was macht das mit den Menschen, die zur\u00fcckbleiben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder Trauerfall sei so einzigartig wie die Beziehung, die wir mit dieser Person hatten, sagt die Psychologin Elaine Kasket. \u00bbTrauernde sind Geschichtenerz\u00e4hler. Sie erz\u00e4hlen ihre Erfahrungen, erschaffen Geschichten \u00fcber die tote Person und \u00fcber sich selbst. Und diese Geschichten ver\u00e4ndern sich mit der Zeit.\u00ab Weit bis ins 20. Jahrhundert hinein geisterte in den K\u00f6pfen die Theorie Sigmund Freuds umher, dass Trauern immer Loslassen bedeute, dass Hinterbliebene mit den Verstorbenen abschlie\u00dfen m\u00fcssten. Heute arbeiten Psycholog:innen wie Elaine Kasket anders. Sie verstehen Trauer als einen Prozess, bei dem Bindungen \u00fcber den Tod hinaus fortbestehen. Diese <em>Continuing Bonds, <\/em>die Beziehungen zu den Verstorbenen, \u00e4ndern sich, aber sie brechen nicht ab. Kasket sagt: \u00bbViele Menschen haben solche Angst vor dem Verlust oder vor dem Ende ihres eigenen Lebens, dass sie sich an die Technologie wenden, um etwas dagegen zu tun. Aber man kann kein Mensch sein, ohne Angst zu haben. Trauer folgt nat\u00fcrlich, wenn ein Mensch sich erlaubt hat, jemanden zu lieben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00bbMan kann kein Mensch sein, ohne Angst zu haben.\u00ab<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn es also technisch m\u00f6glich ist, von uns Abziehbilder zu entwickeln, auch wenn sie nur verwaschene Kopien sind, wenn Menschen daf\u00fcr ihre Daten hergeben und die Politik ethische Fragen einrahmt, bleibt trotzdem die Frage: Wollen Menschen das \u00fcberhaupt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele vermutlich nicht. Wir werden vermutlich nicht in einer Welt leben, in der uns st\u00e4ndig digitale Klone \u00fcber die Schulter schauen. Der Politologe Christopher Coenen erz\u00e4hlt, wie ein Freund einmal zu ihm sagte: \u00bbMit Leichen auf Festplatten rede ich nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was aber wahrscheinlich bald in unser Leben treten wird: Virtuelle Assistent:innen, die f\u00fcr uns arbeiten. Als Algorithmen auf unseren Smartphones, die uns l\u00e4stige Aufgaben abnehmen: auf E-Mails antworten, Termine in den Kalender eintragen, Abos k\u00fcndigen, Einkaufslisten erstellen. Wenn wir all diese Informationen \u00fcber uns an eine virtuelle Assistenz \u00fcberg\u00e4ben, sagt der Entwickler David Burden, bef\u00e4nden wir uns auf einem schmalen Grat, der uns hin zu einem digitalen Klon f\u00fchren k\u00f6nne. Aber auch er hat festgestellt, dass Menschen zwar die Idee m\u00f6gen, sich selbst unsterblich zu machen. \u00bbSie sind allerdings weniger scharf darauf, Kopien von anderen Leuten zu haben. Sie wollen nicht, dass ein Toter sie weiter beobachtet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 27. Juni 2018 schreibt Silke die letzte Nachricht an die Nummer ihres toten Sohnes:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210714_NICHTS_st_4-500x131.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8853\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen Monat sp\u00e4ter, am 28. Juli 2018, vier Jahre nach seinem Tod, schickt Silke den Nachrichtenverlauf mit ihrem Sohn als Textdatei an ihr Telefon. Druckt sie aus, bindet sie als Buch. Danach l\u00f6scht sie seine Nummer und schaltet das Handy ab.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildnachweis: <a href=\"https:\/\/de.freepik.com\/fotos-kostenlos\/person-mit-futuristischer-metaverse-avatarmaske_38655026.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=31&amp;uuid=0b61b3ba-192e-41d2-a340-ee1da3626794&amp;query=Ki+unsterblich\">Freepik<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zukunft werden uns immer mehr Tote begleiten: Unternehmen versprechen digitale Kopien, die nach dem Tod eines Menschen weiterreden, chatten, vielleicht sogar arbeiten. Aber wollen wir sie \u00fcberhaupt haben in unserer Welt der Lebenden? Erschienen im: Science Notes Magazin. Das Magazin f\u00fcr Wissen und Gesellschaft. Thema: Nichts. Zum Original: hier. 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