{"id":194,"date":"2025-10-21T13:12:12","date_gmt":"2025-10-21T13:12:12","guid":{"rendered":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=194"},"modified":"2025-10-21T15:34:06","modified_gmt":"2025-10-21T15:34:06","slug":"einer-der-nicht-vergessen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=194","title":{"rendered":"Einer, der nicht vergessen will"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Als Hobbyhistoriker sucht Reinhard Simon nach Namen und Geschichten von Menschen aus seiner Heimat, die von den Nationalsozialist:innen ermordet wurden. Er begibt sich auf eine Reise durch Archive, Akten, Erinnerungen. Dabei ist er auf eine Frau gesto\u00dfen, die seinen Nachnamen trug. Ein Portr\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\"Der Bewahrer\". Erschienen in: Science Notes Magazin. Ausgabe: \"Mein liebstes Hobby: Wissenschaft\". Erschienen am 16. Januar 2025. Original <a href=\"https:\/\/sciencenotes.de\/hobbyhistoriker-ns-opfer-erinnerung\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/sciencenotes.de\/hobbyhistoriker-ns-opfer-erinnerung\/\">hier nachlesen<\/a>.<\/pre>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-science-notes wp-block-embed-science-notes\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"ZoZdbKW7Cd\"><a href=\"https:\/\/sciencenotes.de\/hobbyhistoriker-ns-opfer-erinnerung\/\">Der Bewahrer<\/a><\/blockquote><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Der Bewahrer&#8220; &#8212; Science Notes\" src=\"https:\/\/sciencenotes.de\/hobbyhistoriker-ns-opfer-erinnerung\/embed\/#?secret=7LvNewOaFJ#?secret=ZoZdbKW7Cd\" data-secret=\"ZoZdbKW7Cd\" width=\"520\" height=\"293\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p>Reinhard Simon ist wie ein Baum: tief verwurzelt in seiner Heimatstadt Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist er geboren, hier will er sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wohnt in einem Reihenhaus, arbeitet seit 34 Jahren als Diplom-Agrarp\u00e4dagoge im selben Amt, im Amt f\u00fcr Umwelt- und Naturschutz. Er hat zwei Kinder, drei Enkelkinder und jedes Jahr reist er mit seiner Frau eine Woche lang nach Polen, in dasselbe Wellness-Hotel, um \u00bbes sich gut gehen zu lassen\u00ab, wie er sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber manchmal streckt er seine Arme wie \u00c4ste dieses Baumes \u00fcber den Gartenzaun hinaus, um die Lebensgeschichten von Menschen zu erf\u00fchlen, die im nationalsozialistischen Deutschland ermordet wurden. Menschen aus seiner Heimatstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Simon, 61 Jahre alt, ist Hobbyhistoriker. Er hat viele Archive durchst\u00f6bert, hat Bibliotheken durchforstet. Mit einem Ziel: Er will Schnipsel und so viele Teile wie m\u00f6glich zusammensetzen \u2013 zu einem Puzzle, das nie vollst\u00e4ndig werden wird. Denn bei allem, was er herausfindet, gibt es kein Happy End, keine Hoffnung. Die Geschichte endet f\u00fcr niemanden der Menschen gut, das wei\u00df Simon. Ihm geht es darum, Menschen, die von den Nationalsozialist:innen ermordet wurden, ein Gesicht zu geben. Einen Namen. Eine Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2023 st\u00f6\u00dft er in Sobibor, Polen, auf eine Frau, die seinen Nachnamen tr\u00e4gt. Er besucht damals im Rahmen einer Bildungsreise das ehemalige Vernichtungslager dort und tippt in der Opferdatenbank \u00bbNeustrelitz\u00ab ein. Dann erscheint ein Name: Lilli Simon. Eine J\u00fcdin aus seiner Heimatstadt. Sp\u00e4ter erf\u00e4hrt er: Sie hatte noch einen Sohn, Eli Simon, ein Jahr alt. Beide ermordet von den Nationalsozialist:innen. Reinhard Simon ist schnell klar: Lilli Simon ist keine Verwandte, obwohl sie denselben Nachnamen tr\u00e4gt. Trotzdem geht er ins Stadtarchiv Neustrelitz und liest ihre Geburtsurkunde. Und er findet heraus, dass sie in dem Haus geboren wurde, in dem er jahrelang selbst wohnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-683x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-196\" srcset=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-683x1024.webp 683w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-200x300.webp 200w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-768x1152.webp 768w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-1024x1536.webp 1024w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-400x600.webp 400w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1-800x1200.webp 800w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-1-1365x2048-1.webp 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">In einer Opferdatenbank stie\u00df Reinhard Simon auf eine Frau, die seinen Nachnamen trug: Lilli Simon. Nun rekonstruiert er ihre Geschichte.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Simon reist nach Berlin, sucht dort auf einem j\u00fcdischen Friedhof das Grab ihres Vaters, er sucht die Grundschule, in der Lillis Tochter zur Schule gegangen sein soll. Er f\u00e4hrt noch einmal nach Sobibor, im Oktober 2024, und installiert dort zusammen mit einer polnischen Schulklasse einen Gedenkstein f\u00fcr Lilli und ihren Sohn. Ihre Geschichte l\u00e4sst ihn nicht los.<\/p>\n\n\n\n<p>Simon sagt: \u00bbManchmal artet das in eine Sucht aus.\u00ab Er lacht. Und wird ernst. Die Geschichte von Lilli Simon ist nicht das erste Puzzle, das er zusammenzusetzen versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 2024 f\u00e4hrt Reinhard Simon mit mir an den Ort, an dem f\u00fcr ihn alles begann: die Landesirrenanstalt Domj\u00fcch in seinem Heimatort Neustrelitz. Es ist still am Domj\u00fcchsee, dessen Wasser seicht an das Ufer schwappt. Hecken und Alleen mit Pyramideneichen rahmen die Ruinen. Der Wind fegt die braunen Bl\u00e4tter \u00fcber den Rasen, Simon stiefelt zwischen den grauen Gem\u00e4uern hindurch. An manchen W\u00e4nden leuchten Graffitis, vor ein paar Jahren hat hier ein Kunstfestival stattgefunden. Die Domj\u00fcch hat Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Behinderung erst verwahrt, viele zwangssterilisiert und anschlie\u00dfend in T\u00f6tungsanstalten transportiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Simon hat Krankenakten der Patient:innen gelesen. In vielen erkannte er Teile seiner eigenen Diagnose wieder: Vor einigen Jahren erkrankte er an einer Depression. Lange hat ihn eine Frage umgetrieben: W\u00e4re auch ich ermordet worden, h\u00e4tte ich im nationalsozialistischen Regime gelebt? Heute sagt er: \u00bbJa, wahrscheinlich w\u00e4re ich ermordet worden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>1933 erlie\u00df die nationalsozialistische Regierung ein Gesetz zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses, das eine Zwangssterilisierung von \u00bberbkranken\u00ab und \u00bbalkoholkranken\u00ab Menschen vorsah. Die Idee stammte ma\u00dfgeblich von zwei Vordenkern, dem Strafrechtler Karl Bindung und dem Psychiater Adolf Hoche. Sie schreiben in ihrer Abhandlung von 1922 \u00fcber <em>Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb[\u2026] wir werden vielleicht eines Tages zu der Auffassung heranreifen, dass die Beseitigung der geistig v\u00f6llig Toten kein Verbrechen, keine unmoralische Handlung, keine gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Rohheit, sondern einen erlaubten n\u00fctzlichen Akt darstellt.\u00ab Diese Idee gipfelte in der systematischen Ermordung von Menschen in der \u00bbAktion T4\u00ab.&nbsp; Unter den Opfern waren auch Patient:innen aus der Domj\u00fcch.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-683x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-197\" srcset=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-683x1024.webp 683w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-200x300.webp 200w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-768x1152.webp 768w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-1024x1536.webp 1024w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-400x600.webp 400w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1-800x1200.webp 800w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-9-1-1365x2048-1.webp 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Einen Ausstellungsraum in der Domj\u00fcch hat Reinhard Simon selbst eingerichtet. Darin steht unter anderem ein Glas voller Spritzen. Sie stammen zwar nicht aus der ehemaligen Landesirrenanstalt, aber stehen symbolisch f\u00fcr das Thema Euthanasie.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00bbAber keiner kannte die Namen, au\u00dfer ein paar Wissenschaftlern\u00ab, sagt Simon. \u00bbMein Ziel war es, allen Neustrelitzern, die dort in der Anstalt waren und umgebracht wurden, einen Namen zu geben. Sie sollten nicht vergessen werden.\u00ab 2018 begann er, die Geschichten der Ermordeten zu recherchieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Benennen sei wichtig, es stelle einen Akt des Respekts und der W\u00fcrdigung dar, sagt Judith Hahn. Sie ist Historikerin und Ausstellungskuratorin am Berliner Medizinhistorischen Museum der Charit\u00e9. Sie erkl\u00e4rt das am Beispiel der Konzentrationslager und erz\u00e4hlt von Berichten der KZ-\u00dcberlebenden: \u00bbDort liest man oft von der Einweisung ins Lager. Dieses Aufnahmeritual, bei dem eine Person von einem Namen zur Nummer wird, beschreiben viele als traumatisch. Sie mussten ihre Kleidung ablegen, Gef\u00e4ngniskleidung anziehen, ihre Habseligkeiten wurden eingesammelt, ihre Haare geschoren, sie wurden leibesvisitiert. H\u00e4ftlinge f\u00fchlten sich, als w\u00e4ren sie keine Individuen mehr, gedem\u00fctigt und degradiert. Das Nennen des Namens ist daher eine Form postmortaler W\u00fcrdigung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Domj\u00fcch \u00f6ffnet Simon die T\u00fcr zum Verwaltungsgeb\u00e4ude. Seit Jahren k\u00e4mpft er mit einem Verein daf\u00fcr, diesen historischen Ort zu erhalten. Die Alarmanlage fiept. Stufen f\u00fchren uns in einen backsteinernen Gang hinauf, nach links gehen Zimmer ab. Eine kleine metallene Rampe f\u00fchrt in einen kahlen Raum hinein, wei\u00dfe Fliesen an den W\u00e4nden bis auf Augenh\u00f6he, oberhalb liegt der Putz frei. An den W\u00e4nden hat Simon Tafeln aufgeh\u00e4ngt. Sie erz\u00e4hlen die Geschichte der Krankenmorde in Neustrelitz. Namen stehen auf den Wandtafeln, dabei alte Fotografien der Opfer. Das hier, das ist seine Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre lang hat Reinhard Simon die Geschichten der Domj\u00fccher Patient:innen recherchiert. Er eilt hinaus, holt aus dem Kofferraum seines Autos einen Stoffbeutel mit drei schweren Ordnern, in denen er all die fotokopierten Akten, Dokumente, Briefe, Archivmaterialien abgeheftet hat. Zu Hause stehen noch weitere Ordner. Mit all den Zeugnissen will er die T\u00fcr zur Vergangenheit \u00f6ffnen. \u00bbWenn ich Archivakten bekomme, dann lese ich: Aha, eine der Patientinnen aus der Domj\u00fcch war in Erfurt, und \u00fcberlege dann, ob dort noch etwas liegt.\u00ab So hangelt er sich von Ort zu Ort \u2013 er liebt die Archivarbeit. \u00bbDas ist in gewisser Weise vielleicht auch pathologisch oder so.\u00ab Er lacht. \u00bbIch muss weitermachen, koste es, was es wolle. Dann muss ich eben wieder zwei Tage Urlaub nehmen und nach Erfurt fahren ins Archiv. Und dann muss ich den Urlaub einen Tag verl\u00e4ngern, weil ich dort erfahren habe, dass in Weimar noch mehr Material liegt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-683x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-198\" srcset=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-683x1024.webp 683w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-200x300.webp 200w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-768x1152.webp 768w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-1024x1536.webp 1024w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-400x600.webp 400w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1-800x1200.webp 800w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-8-1-1365x2048-1.webp 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Domj\u00fcch hat Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Behinderung erst verwahrt, viele zwangssterilisiert und anschlie\u00dfend in T\u00f6tungsanstalten transportiert. Eine Dauerausstellung erinnert daran.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Simon hat sogar einen regionalen Verlag gefunden, der seine Recherchen publizierte. <em>Domj\u00fccher Schicksale<\/em> hei\u00dft sein Buch. Darin stehen alle bekannten Namen von Opfern, die im Sommer 1941 in die T\u00f6tungsanstalt Bernburg transportiert wurden. Sie hei\u00dfen unter anderem: Max Gabriel, Else Reglin, Alma Voss oder Heinrich Winkelmann. Ein Erfolg f\u00fcr Simon \u2013 doch die Hobbyarbeit bringt auch Schatten mit sich: Eines Tages schrieb ein Nachfahre ihn an, verlangte, dass der Name seiner Gro\u00dfmutter als T\u00e4terin gestrichen werde. Sie war Pflegerin in der Domj\u00fcch und arbeitete sp\u00e4ter als KZ-Aufseherin.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig kommen auch Menschen auf Reinhard Simon zu, die seine Arbeit wertsch\u00e4tzen. Die sagen, dass sie die Opfer kannten. \u00bbDas ist genau das, was ich wollte. Dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten.\u00ab Einmal ist Simon in ein nahegelegenes Dorf gefahren, hat Nachfahrinnen einer ermordeten Domj\u00fccher Patientin ausfindig gemacht \u2013 und ihnen er\u00f6ffnet, woran ihre Tante und Gro\u00dftante wirklich gestorben ist. Bis dahin war das der Familie nicht bekannt. \u00bbDas ist vielleicht ein dummes Wort, aber es macht mich auch stolz, weil ich merke: Die Arbeit, die ich mache, war nicht umsonst.\u00ab 2019 gewann Simon den Annalise-Wagner-Preis, einen regionalen Literaturpreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Hobbyhistoriker:innen wie Simon leisten bedeutende Beitr\u00e4ge und sto\u00dfen Debatten an, besonders im Arbeitskreis zur Erforschung der NS\u2011\u00bbEuthanasie\u00ab und Zwangssterilisation. Dieser Arbeitskreis vereint Wissenschaftler:innen, Gedenkst\u00e4ttenmitarbeiter:innen und Angeh\u00f6rige, die Familienforschung betreiben. Diese Hobbyforschenden f\u00fcllten oft L\u00fccken in Bereichen, die die etablierte Wissenschaft noch nicht bearbeitet habe, sagt Judith Hahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Simon, Mitglied dieses Arbeitskreises, betont seine Freiheit als Hobbyhistoriker. Im Gegensatz zu professionellen Kolleg:innen m\u00fcsse er weniger pr\u00e4zise sein und habe keinen wissenschaftlichen Anspruch. In seinem Buch platziert er Worte wie \u00bbvermutlich\u00ab, \u00bbwohl\u00ab, \u00bbvielleicht\u00ab. \u00bbMir wurde gelegentlich vorgeworfen, Vermutungen ohne Belege zu \u00e4u\u00dfern\u00ab, sagt Simon. \u00bbAber als Hobbyhistoriker kann ich das so schreiben und als pers\u00f6nliche Meinung kennzeichnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Simon keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gewinnt, sprechen Historiker:innen davon, dass seine Forschung eine andere Funktion erf\u00fclle: eine erinnerungspolitische, die f\u00fcr Bildungsarbeit wichtig sei. So hat Simon Sch\u00fclerinnen aus dem Neustrelitzer Gymnasium in einer Projektwoche unterst\u00fctzt, die Lebensgeschichte von Anna Ziolkowski zu erarbeiten, einer Domj\u00fccher Patientin, die in Bernburg vergast wurde. Heute h\u00e4ngt am Zaun des ehemaligen Kinderheims eine Gedenktafel f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-683x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-199\" srcset=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-683x1024.webp 683w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-200x300.webp 200w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-768x1152.webp 768w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-1024x1536.webp 1024w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-400x600.webp 400w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1-800x1200.webp 800w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-3-1-1365x2048-1.webp 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gemeinsam mit einer Schulklasse recherchierte Reinhard Simon die Geschichte einer Domj\u00fccher Patientin, die in Bernburg vergast wurde. Ihr zum Andenken wurde diese Gedenktafel angebracht.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Inzwischen arbeitet Simon an einem neuen Buch \u2013 \u00fcber Lilli Simon und ihren Sohn. Um mehr \u00fcber sie zu erfahren, will er an einem Wochenende im November mit mir zusammen in die Niederlande reisen, um Lilli Simons letzte Wohnorte zu besuchen. Doch: Eine Erk\u00e4ltung rei\u00dft ihn raus. Irgendwie ist er ganz froh dar\u00fcber, er brauche mal eine Pause, sagt er. Von all den Morden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbManchmal geht es mir doch an die Nieren, wenn man das so hautnah erlebt, und irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem ich mich mit anderen Themen besch\u00e4ftigen oder auch mal andere B\u00fccher lesen muss.\u00ab Schlie\u00dflich habe er Dutzende Romane gelesen \u00fcber diese Zeit. Er erz\u00e4hlt von einem Gespr\u00e4ch mit seiner Frau:<\/p>\n\n\n\n<p>Simons Frau: Willst du nicht mal was anderes lesen?<\/p>\n\n\n\n<p>Simon: Was denn?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: Zum Beispiel einen Krimi?<\/p>\n\n\n\n<p>Simon: Von Fitzek oder wie?<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt liest er ein Buch \u00fcbers G\u00e4rtnern. \u00bbDas ist von einer Schriftstellerin, die schreibt, wie Menschen ihr Gl\u00fcck finden, indem sie G\u00e4rten anlegen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Simon hat viel versucht, um das Leben von Lilli und Eli Simon auszuleuchten. Hat mehrmals Archive in Polen angeschrieben, um Unterlagen gebeten. Keine Antwort. Er bat eine Kollegin um Hilfe, die in polnischer Sprache mit den Archiven telefonierte. Nichts. \u00bbEs w\u00fcrde mir reichen, wenn sie sagen, dass sie keine Unterlagen haben. Punkt. Aber noch nicht mal eine Reaktion \u2013 das ist f\u00fcr mich frustrierend. Frustrierender, als wenn ich w\u00fcsste: Okay, da gibt es nichts, Schluss, Feierabend.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als Spurensucher landet er auch mal in Sackgassen. Seine Hoffnung, um mehr \u00fcber Lilli Simon zu erfahren, ist aktuell die \u00bbWorld Jewish Relief\u00ab, eine Organisation in England, die Dokumente und Nachl\u00e4sse geflohener Juden aufbewahrt. Simon fragt die Organisation, ob es Akten von Lillis Tochter, Marianne Simon, gebe, die er einsehen k\u00f6nne. Marianne kam als Kind mit einem Kindertransport nach England.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-683x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-200\" srcset=\"https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-683x1024.webp 683w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-200x300.webp 200w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-768x1152.webp 768w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-1024x1536.webp 1024w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-400x600.webp 400w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1-800x1200.webp 800w, https:\/\/katharinaelsner.de\/wp-content\/uploads\/Hobbyhistoriker-NS-Opfer-Erinnerung-1-2-1365x2048-1.webp 1365w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Lilli Simon und ihr Sohn Eli wurden 1943 von den Nationalsozialist:innen ermordet. Ihre beiden Namen stehen auf zwei Scheinen des Holocaust Memorial Days.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich frage ihn: \u00bbGeht es auch darum, dass du nicht vergessen werden m\u00f6chtest?\u00ab<br>Er schweigt erst, wird rot.<br>Sagt leise: \u00bbJa.\u00ab<br>Und dann immer lauter: \u00bbJa, ja, ja.\u00ab<br>Ich: \u00bbIst ja keine Schande.\u00ab<br>Er: \u00bbNein, nein. Ja, sicherlich. Also ja klar, man ist nat\u00fcrlich stolz, wenn man da irgendwas der n\u00e4chsten Generation \u00fcberlassen kann, und wenn es nur ein Buch oder irgendwas ist. Ja klar, warum nicht?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Denn manchmal \u00f6ffnet sich doch eine neue T\u00fcr. \u00dcber Facebook hat er gerade tats\u00e4chlich Lillis Enkelin aufgest\u00f6bert, die Tochter ihrer Tochter Marianne. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei T\u00f6chtern in England. Bald will Reinhard Simon dorthin fliegen \u2013 und die Frau treffen, die ihm so viel mehr \u00fcber die Vergangenheit erz\u00e4hlen kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bilder von Maximilian G\u00f6decke, <a href=\"https:\/\/www.max-goedecke.de\/\">https:\/\/www.max-goedecke.de\/<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Hobbyhistoriker sucht Reinhard Simon nach Namen und Geschichten von Menschen aus seiner Heimat, die von den Nationalsozialist:innen ermordet wurden. Er begibt sich auf eine Reise durch Archive, Akten, Erinnerungen. Dabei ist er auf eine Frau gesto\u00dfen, die seinen Nachnamen trug. Ein Portr\u00e4t. &#8222;Der Bewahrer&#8220;. Erschienen in: Science Notes Magazin. Ausgabe: &#8222;Mein liebstes Hobby: Wissenschaft&#8220;. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":195,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-194","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","has-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=194"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/194\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":216,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/194\/revisions\/216"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/katharinaelsner.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}