{"id":131,"date":"2020-01-19T09:40:00","date_gmt":"2020-01-19T09:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=131"},"modified":"2024-01-19T09:58:36","modified_gmt":"2024-01-19T09:58:36","slug":"wie-ein-daene-buergermeister-werden-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katharinaelsner.de\/?p=131","title":{"rendered":"Wie ein D\u00e4ne B\u00fcrgermeister werden will"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Claus Ruhe Madsen verkauft eigentlich M\u00f6bel. Jetzt will er in die Politik und alles anders machen. Er w\u00e4re der erste ausl\u00e4ndische B\u00fcrgermeister in einer deutschen Gro\u00dfstadt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\"Das gro\u00dfe W\u00e4hlen\". Erschienen in: Die ZEIT, 22\/2019. Das Original findet ihr <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/22\/kommunalwahlen-ostdeutschland-sachsen-goerlitz-claus-ruhe-madsen-rostock\/seite-2\">hier<\/a>.<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p>Die Kamera ist auf ihn gerichtet. Claus Ruhe Madsen, 46, Wikingerbart und Rahmenbrille, stellt sich breitbeinig vor das Rostocker Rathaus. Vor ihm rattert die Stra\u00dfenbahn, hinter sich hat er eine Gruppe Komparsen mit Arztkitteln und Kellnersch\u00fcrzen aufgestellt. Der Regisseur sagt: Madsen. Clip eins, Szene eins: &#8222;Mein Name ist Claus Ruhe Madsen, ich m\u00f6chte Ihr Oberb\u00fcrgermeister werden. Mit meinem Kopf f\u00fcr die Wirtschaft &#8230;&#8220; Er stockt. &#8222;Nee. Ich wusste, dass das nicht klappt. Das war so klar.&#8220; Die Szene hat er versemmelt, aber er lacht. Texte lernen, das liege ihm halt nicht so.<\/p>\n\n\n\n<p>Madsen, ein d\u00e4nischer M\u00f6belunternehmer, will in das Rostocker Rathaus einziehen, vor dem er hier steht. Er k\u00f6nnte, jetzt bei den Kommunalwahlen, sogar Geschichte schreiben: Er w\u00e4re der erste ausl\u00e4ndische Oberb\u00fcrgermeister einer deutschen Gro\u00dfstadt. Und das ausgerechnet im Osten, von dem es doch immer hei\u00dft, dass Migranten es hier besonders schwer h\u00e4tten. Madsen aber ist der Favorit bei dieser Wahl. Was auch daran liegt, dass er auff\u00e4llt &#8211; mit seiner besonderen Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines aber stellt er gleich klar, wenn man ihn zum Gespr\u00e4ch trifft: Er mache sich keine Gedanken \u00fcber seine Herkunft, und dass er der Erste aus dem Ausland w\u00e4re, sei ihm egal. &#8222;Ich bin Rostocker&#8220;, sagt er. &#8222;Alles andere sind nur Dokumente, das ist nur Papier, das \u00e4ndert nichts an meinem Gef\u00fchl.&#8220; Und das Gef\u00fchl sei klar: Oberb\u00fcrgermeister, das werde man nur dort, wo man sich zu Hause f\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich lebt Madsen seit zwei Jahrzehnten mit seiner Familie in Rostock. Zuerst hatte er in Essen gewohnt, als Verk\u00e4ufer gearbeitet. Dann zog er nach Rostock, um sich zum Handelsfachwirt ausbilden zu lassen. 1997 gr\u00fcndete er sein M\u00f6belhaus, M\u00f6bel Wikinger, inzwischen besitzt er vier Filialen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen mit etwa 90 Mitarbeitern. Rostock sei, sagt Madsen, &#8222;ein bisschen wie D\u00e4nemark, auch wenn die D\u00e4nen entspannter sind&#8220;. Er hat sogar seine Eltern aus D\u00e4nemark nachgeholt. Denn hier, an diesem Ort, wolle er bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieso wechselt einer, der ein gut laufendes Unternehmen f\u00fchrt, in die Kommunalpolitik?<\/p>\n\n\n\n<p>Viel, sagt er, habe damit zu tun, dass er als B\u00fcrger und als Vater selbst gemerkt habe, wo es in Rostock hakt. Sein Motto sei: Weniger schnacken, einfach machen. Rostock solle sch\u00f6ner werden, gr\u00fcner. Madsen will zum Beispiel, wo immer es geht, Plastik auf Gro\u00dfveranstaltungen verbieten. Will Elektrobusse einsetzen, Radschnellwege bauen. Vor allem die Verwaltung wolle er umkrempeln; sie kompromisslos auf digital umstellen. Wenn er das so aufz\u00e4hlt, klingt er eher wie ein Kandidat der Gr\u00fcnen. Dabei wird er als Parteiloser von CDU und FDP unterst\u00fctzt. Der Vorsitzende der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, Vincent Kokert, sagte beim Landesparteitag im Januar zu Madsen: &#8222;Es gibt auch gute Leute, die nicht in der CDU sind. Wir holen uns Rostock. Sch\u00f6n, dass du bereit bist, das f\u00fcr uns zu tun.&#8220; Madsens Chancen stehen vor allem deshalb so gut, weil SPD, Linke und Gr\u00fcne jeweils eigene Kandidaten aufgestellt haben, die sich gegenseitig Stimmen streitig machen d\u00fcrften. Madsen k\u00f6nnte das n\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Frau, sagt er, habe ihn f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt, als er ihr vor ein paar Monaten ank\u00fcndigte: Er werde kandidieren. Ob er nicht schon ausgelastet genug sei, fragte sie ihn. 80 bis 100 Stunden arbeite er w\u00f6chentlich &#8211; derzeit. Seine Firma wolle er behalten, wenn er ins Rathaus einziehen sollte, aber die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung an seine Frau abgeben. Er glaubt, er werde als Oberb\u00fcrgermeister sogar weniger Stress haben als heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Menschen in Rostock, die sagen: Was ein Oberb\u00fcrgermeister wirklich tun m\u00fcsse, wisse Madsen noch gar nicht. Man k\u00f6nne eine Stadt nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen f\u00fchren. Er selbst hat lange gez\u00f6gert, als die CDU ihn fragte, ob er f\u00fcr sie kandidieren wolle. Politische Erfahrung hat er zwar als Pr\u00e4sident der Rostocker Industrie- und Handelskammer gesammelt. Aber reicht das? Er glaubt, ja. &#8222;Ich bin Unternehmer, das macht mich aus. Das ist meine ganze Identit\u00e4t&#8220;, sagt er. &#8222;Aber die w\u00fcrde ich aufgeben.&#8220; Die Rostocker, sagt Claus Ruhe Madsen, sollten k\u00fcnftig wieder sagen k\u00f6nnen: Sie seien stolz, in dieser Stadt zu leben. Darum gehe es doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sieht sich als eine Art K\u00fcmmerer, der die Wut, den \u00c4rger vieler B\u00fcrger durch ganz praktische Arbeit kanalisiert: Im Wahlkampf tingelt er durch jeden Stadtteil. Problemen will er ultrapragmatisch begegnen. Vor drei Jahren, erz\u00e4hlt er, als im Handballverein seiner Tochter Trainer fehlten, machte er einfach einen Trainerschein. Nun steht er dienstags in einer Turnhalle im Rostocker Norden, mit Jogginghose und Trillerpfeife um den Hals, und scheucht die M\u00e4dchen selbst \u00fcber den Platz. Mitunter klingt er, als w\u00fcrde er Oberb\u00fcrgermeister werden wollen, weil es ihn auch langweilen w\u00fcrde, einfach weiter M\u00f6belh\u00e4ndler zu sein. Auf seiner Website schreibt er: W\u00e4re sein Leben ein Buch, dann sei es doch egal, ob darin steht, dass er 20 oder 40 Jahre lang M\u00f6belh\u00e4ndler war. &#8222;Das w\u00fcrde aber mein Buch nicht dicker machen und vor allem nicht interessanter.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Madsen sagt, er lebe nach einem Sprichwort, das ihm sehr gefalle: &#8222;Wenn jemand Marmorkuchen verlangt, backe ihm keine Sachertorte.&#8220; Er m\u00fcsse nichts vorspielen. Er wolle einfach machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claus Ruhe Madsen verkauft eigentlich M\u00f6bel. Jetzt will er in die Politik und alles anders machen. Er w\u00e4re der erste ausl\u00e4ndische B\u00fcrgermeister in einer deutschen Gro\u00dfstadt. &#8222;Das gro\u00dfe W\u00e4hlen&#8220;. Erschienen in: Die ZEIT, 22\/2019. Das Original findet ihr hier. Die Kamera ist auf ihn gerichtet. 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